Was ist anders?

Der Begriff Autismus wird für eine Vielfalt an Erscheinungsformen verwendet, deren Beschreibung von der Sichtweise und dem jeweiligen Erklärungsmodell abhängig ist.

Man ist sich inzwischen einig, dass auf Grund von neurologischen, noch nicht näher bekannten Unterschieden des Zentralen Nervensystems die Verarbeitungsprozesse im Gehirn anders verlaufen. Dies wird durch bildgebende Verfahren und Aussagen von autistischen Menschen belegt.

Bei den im folgenden aufgeführten Besonderheiten handelt es sich um Aspekte, die bei autistischen Menschen in individuell unterschiedlichen Kombinationen und Ausprägungen zum Ausdruck kommen können - eventuell auch nur in manchen Situationen oder Lebensabschnitten.

 

Informationsverarbeitung

  • Informationen aus den Sinnesorganen können sehr intensiv wahrgenommen werden (intensiv angenehm, aber auch intensiv unangenehm). Es können teilweise auch Informationen ins Bewusstsein kommen, welche üblicherweise nicht registriert werden (zum Beispiel das Hören des Herzschlags, der Geräusche von Neonröhren und ähnliches). Dadurch reagieren viele sehr empfindlich auf Reize in verschiedenen Situationen. Diese "Überempfindlichkeiten" sind jedoch nicht immer in gleichem Ausmaß vorhanden.
     

  • Informationen aus den Sinnesorganen können jedoch auch wenig oder überhaupt nicht registriert werden. Es wird dann von Unterempfindlichkeiten gesprochen (im Vergleich zu dem, was als gesellschaftliche Norm festgelegt wurde).
     

  • Filterprobleme in Bezug auf bedeutende und unbedeutende Reize können zur Folge haben, dass beispielsweise bei einem Gespräch die Hintergrundgeräusche  gleich laut sind wie die Sprache, auf die man seine Aufmerksamkeit richten möchte. Beim Betrachten eines Bildes können die visuellen Informationen des Hintergrunds gleich stark sein wie die eines Gegenstandes im Vordergrund, den man genauer Anschauen möchte.  Vieles wird dadurch anstrengender und manche Informationen werden gegebenenfalls auch nicht oder anders verarbeitet. 
     

  • Manchmal wird das Gehirn von Reizen regelrecht "überschwemmt" und es kommt zu Reizüberflutungen. Diese können zu einem völligen Chaos im Gehirn führen und sich in körperlichen Schmerzen, Stress, Angst und Panikreaktionen sowie völliger Handlungsfähigkeit ausdrücken.
     

  • Eine flexible Zusammenarbeit aller Sinnesorgane ist nicht immer möglich.
     

  • Es besteht die Tendenz, die Aufmerksamkeit in vielen Situationen eher auf Details zu richten und nicht auf die Situation als Ganzes und die Zusammenhänge. Durch das Zusammensetzen von Einzelheiten können zum einen sehr kreative Ideen entstehen. Zum anderen können nicht alle Details miteinander in einen Gesamtzusammenhang gebracht werden. Vieles ist zumindest in den ersten Lebensjahren unverständlich und wirkt verworren und chaotisch, teilweise auch ein Leben lang.
     

  • Intuitives Lernen durch Beobachtung ist deutlich schwieriger, vieles muss ausschließlich über den Verstand gelernt werden. Dadurch ist z.B. das intuitive Erfassen ungeschriebener sozialer Signale und Regeln oder aber auch das intuitive Deuten von Gefühlen und Absichten anderer erschwert.


Als Folge einer anderen Art der Wahrnehmungsverarbeitung und einem Umfeld, das nicht auf diese Andersartigkeit eingestellt ist, kommt es von Geburt an zu einem anderen Entwicklungsverlauf, anderen Verhaltensweisen und einem anderen Verständnis der Welt.

Aspekte dieser anderen Wahrnehmungsverarbeitung wirken sich auf alle Entwicklungsbereiche aus. In einer Gesellschaft, die nicht darauf eingestellt ist, kommt es zu Missverständnissen und Schwierigkeiten. Diese kommen am deutlichsten in völlig individuellen Kombinationen und Ausprägungen in  den folgenden Bereichen zum Ausdruck:

 

  • Kommunikation
    Es kann beispielsweise zu Schwierigkeiten kommen

    • beim Verstehen und beim eigenen Ausdruck von Mimik und Gestik

    • beim Deuten von Gefühlen und Absichten anderer

    • beim Einnehmen der Perspektive eines anderen

    • beim Verstehen von kommunikativen Regeln

    • beim Ausdruck von eigenen Wünschen und Bedürfnissen

    • beim Aufnehmen und Halten von Blickkontakt (gelingt manchen gut, kann auch geübt werden)

    • beim Verstehen von komplexen oder mehrdeutigen sprachlichen Inhalten

    • bei der aktiven Sprache (falls vorhanden) auf Grund der Verwendung anderer Begriffe

     

  • Sozialverhalten
    Es kann beispielsweise zu Schwierigkeiten kommen

    • beim Verstehen und bei der Anwendung von "ungeschriebenen" sozialen Regeln

    • bei der Kontaktaufnahme zu anderen und beim Halten von Kontakten

    • auf Grund von Überforderung durch zu viele Sinneseindrücke

     

  • Aktivitäten und Interessen
    Teilweise deutlich weniger Interessenbereiche, dafür oft ausgeprägte Spezialinteressen mit vertieftem Wissen, welche mit großer Ausdauer verfolgt werden. Diese können auch von den gesellschaftlich üblichen Interessen völlig abweichen.
     

  • Tendenz zu Ritualen, immer wiederkehrenden Verhaltensweisen und teilweise Selbststimulationen (vermitteln Sicherheit und beruhigen in einer als "chaotisch" empfunden Umgebung)
     

  • Unvorhergesehene Veränderungen können In unterschiedlichem Ausmaß zu Schwierigkeiten führen
     

  • Verweigerung, aggressives Verhalten und Rückzug als Überlebensstrategie in unterschiedlichem Ausmaß bei Überforderung, Empfindlichkeiten und Reizüberflutungen
     


Nach den international anerkannten Diagnosekriterien der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) ergibt sich eine Diagnose aus einer Summe von beschriebenen Beeinträchtigungen in diesen Bereichen.
 
Es gibt immer mehr autistische Menschen, welche ihre individuelle Erscheinungsform in den offiziellen Diagnosekriterien nicht ausreichend beschrieben finden. Dies gilt vor allem für die vielfältigen Erscheinungsformen des Asperger-Syndroms. Sie wehren sich auch dagegen, dass Autismus ausschließlich aus einer Summe von Defiziten beschrieben wird und setzen sich dafür ein, dass der Blick auch auf die Fähigkeiten gerichtet wird. 
 

weitere Besonderheiten
 

Aufgrund der Vielfalt an Erscheinungsformen sind die Wege zur Diagnoseerstellung teilweise mühsam und schwierig. Dies gilt vor allem für die autistischen Erscheinungsformen, die "von außen" zunächst wenig sichtbar sind (beispielsweise sehr oft beim "Asperger-Syndrom" oder manchen Fromen des "Atypischen Autismus").  

Das Erkennen der anderen Art der Informationsverarbeitung ist jedoch notwendig, damit die Entwicklungs- und Lebensbedingungen individuell angepasst werden können. Überforderungssituationen, Versagensängste und Depressionen sind sonst die Folge, und die Stärken und Fähigkeiten können nicht entwickelt werden.
 

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